In der Kita lernen Kinder über den familiären Kontext hinaus vieles über gesunde Ernährung, Lebensmittel und Nachhaltigkeit. Es ist für Kitas eine wichtige Aufgabe, sie in diesem Sinne in ihrem Ernährungslernen zu fördern und zu begleiten. Dafür braucht es gute strukturelle Rahmenbedingungen und ernährungsphysiologische sowie pädagogische Kompetenzen.
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Ernährungssituation von Kindern
In Deutschland leben etwa 4,72 Millionen Kinder unter 6 Jahren (5). Mehr als zwei Drittel von ihnen werden in einer Kindertageseinrichtung betreut. Mit der KiESEL-Studie (Kinder-Ernährungsstudie zur Erfassung des Lebensmittelverzehrs) hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zwischen 2014 und 2017 eine bundesweite Querschnittsstudie zur Erfassung des Lebensmittelverzehrs bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis einschließlich fünf Jahren durchgeführt.
Bereits Kleinkinder essen zu süß und zu ungesund
Bei Kindern im Alter einem Jahr bis einschließlich fünf Jahren zeigt die Kinder-Ernährungsstudie zur Erfassung des Lebensmittelverzehrs (KiESEL), dass der Verzehr ungesunder Lebensmittel die empfohlene tägliche Höchstmenge um mehr als das Doppelte übersteigt. Weitere Ergebnisse sind: (6)
- Süßigkeiten, Softdrinks und andere ungünstige Lebensmittel stellen im Mittel zwischen 25 und 36 % der täglichen Energiezufuhr (empfohlen sind maximal zehn Prozent).
- Mehr als die Hälfte der Kinder überschreitet die empfohlene Verzehrmenge an Fleisch.
- Hingegen ist der Gemüsekonsum zu niedrig, auch der Verzehr von Milch und Milchprodukten liegt unter den Empfehlungen.
- Vorschulkinder (4 – 5 Jahre) verzehren mehr ungünstige Lebensmittel als Kleinkinder (1 – 3 Jahre).
- Ungünstige Ernährungsgewohnheiten zeichnen sich bereits im Alter von zwei Jahren ab und zeigen sich bei Dreijährigen noch deutlicher.
- Sowohl bei Kleinkindern als auch bei Vorschulkindern ist die Zufuhr von Vitamin D und Jod zu gering, bei Kleinkindern zusätzlich die Eisenzufuhr und bei Vorschulkindern die Kalziumzufuhr.
- Beide Altersgruppen nehmen zu viele gesättigte Fettsäuren, Zucker und Proteine zu sich.
Die KiESEL-Studie zeigt außerdem, dass die Mehrheit der Kinder (91,2 %) keiner besonderen Diät oder Ernährungsweise folgt. 0,4 % der Kinder werden vegan ernährt, weitere 0,8 % vegetarisch. 2 % der Kinder essen halal. (14)
Aktuell werden weitere KiESEL-Daten analysiert, um unter anderem die Ernährung von Klein- und Vorschulkindern näher zu untersuchen, wobei der Lebensmittelverzehr außer Haus, etwa in Kindertagesstätten, berücksichtigt werden soll. (15) Dies ist relevant, weil sich in den letzten Jahren die Betreuungsquote vor allem von Kindern unter drei Jahren erheblich verändert hat.
Übergewichts- und Adipositasprävalenzen
Übergewichts- und Adipositasprävalenzen sind in allen Altersgruppen weit verbreitet und auf hohem Niveau stabil (1, 16). 10,3 % der Säuglinge kommen mit einem erhöhten Geburtsgewicht von ≥ 4 000 g auf die Welt. Darunter sind 1,2 % mit einem sehr hohen Geburtsgewicht von ≥ 4 500 g. Ein erhöhtes Geburtsgewicht kann langfristig ungünstige gesundheitliche Folgen für das Kind haben.
In der Altersgruppe der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren sind 9 % übergewichtig, darunter 2 % adipös. Bei Jugendlichen mit Adipositas zeigt sich, dass der stärkste Gewichtszuwachs bereits im Vorschulalter (2 bis 6 Jahre) stattgefunden hat. (16)
Kinder mit Übergewicht und Adipositas haben im Vergleich zu normalgewichtigen Gleichaltrigen ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Störungen des Fett- und Glucosestoffwechsels. Sie entwickeln im Erwachsenenalter häufiger einen Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem sind Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen mit einer Reduktion der Lebensqualität und mit einem höheren Risiko für Mobbing verbunden (1).
Die Entwicklung des Körpergewichtes von Kindern und Jugendlichen ist auch von ihrem sozio-ökonomischen Status (SES) und vom Migrationshintergrund beeinflusst. Kinder aus Familien mit niedrigem SES weisen im Vergleich zu Gleichaltrigen aus Familien mit mittlerem oder höherem SES wesentlich häufiger Übergewicht bzw. Adipositas auf. (16) In Deutschland ist fast ein Viertel der armutsgefährdeten Haushalte mit Kindern von Ernährungsunsicherheit betroffen. 20,5 % der Kinder und Jugendlichen aus diesen Haushalten sind übergewichtig (10,0 %) oder adipös (10,5 %). (17) Auch haben Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund häufiger Übergewicht oder Adipositas. (16)
Was kann Kita leisten?
Mit Kitaverpflegung zur Prävention und Gesundheitsförderung beitragen
Zusammen mit positiven Erfahrungen mit und beim Essen sowie ausreichend Gelegenheit für Bewegung und Entspannung, ist die bedarfsgerechte Ernährung ausschlaggebend dafür, dass Übergewicht und Mangelerscheinungen erst gar nicht entstehen und Kinder gesund aufwachsen. Das gilt gleichermaßen für die Mahlzeiten in Kita und im Elternhaus. Die Verpflegung in Kitas erreicht potenziell Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten und trägt damit zu einer gleichberechtigten Teilhabe bei. Kitamahlzeiten fördern eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung und sind eine Voraussetzung für Leistungsfähigkeit (7, 8). Mit einer Kitaverpflegung nach DGE-Qualitätsstandard können Kinder bis zu 40 % des Richtwertes für die Gesamtenergiezufuhr decken (jeweils 25 % für Frühstück oder Mittagessen sowie jeweils ca. 15 % für die Zwischenmahlzeiten am Vor- oder Nachmittag) (8, 9). Vor diesem Hintergrund hat eine bedarfsgerechte und gesundheitsförderliche Kitaverpflegung besondere Relevanz.
Jede Mahlzeit ist eng mit Bildung verknüpft
Derzeit besuchen in Deutschland mehr als 3,4 Millionen Kinder eine Tageseinrichtung für Kinder (ohne Schulkinder) (Stand: 1. März 2023) (2). Mehr als die Hälfte von ihnen verbringt dort täglich mehr als 7 Stunden und nimmt einen Großteil der Mahlzeiten zu sich. (2) Auch Kinder mit kürzeren Betreuungszeiten werden verpflegt, z. B. mit Frühstück oder Zwischenmahlzeiten und Getränken. In ihren prägenden ersten Lebensjahren machen Kinder in der Kita also wichtige Lern- und Lebenserfahrungen beim Essen. All diese Erfahrungen werden von den pädagogischen Fachkräften begleitet. Das macht die Kita zu einem optimalen Ort für Gesundheits- und Ernährungsbildung. Auch weil Eltern, im Vergleich zur Schule, häufig enger einbezogen werden können und wollen.
Pflanzenbasierte Kitaverpflegung als Chance
Ernährungssysteme haben einen erheblichen Anteil an Treibhausemissionen und tragen zum Klimawandel bei. Zunehmend sind die Auswirkungen des Klimawandels präsent. Vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche sind von den Folgen meist besonders betroffen. Die Transformation des Ernährungssystems ist daher eine notwendige Maßnahme – global und lokal. Dafür notwendige Maßnahmen stellen häufig sowohl Strategien für Gesundheits- und Klimaschutz dar. Fachleute nennen hier die Reduktion des Fleischverzehrs zugunsten einer pflanzenbasierten Ernährung als wesentlich. Besonders die Gemeinschaftsverpflegung kann treibende Kraft für Veränderungsprozesse sein. (11, 12, 13) Mit dem Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas gibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Empfehlungen zum Speisenangebot in Kitas, das sowohl gesundheitsförderlich als auch klimafreundlich ist. Jedoch zeigen Ergebnisse aus bundesweiten Erhebungen zur Qualität der Kitaverpflegung, dass das Fleischangebot in Kitas noch deutlich zu hoch und nicht den Empfehlungen entspricht (3, 4). Kitas und Kitaträger können mit den Möglichkeiten, die ihnen Ernährungsbildung und Qualitätsentwicklung bieten, vorhandene Potenziale stärker nutzen.
Herausforderungen aus Sicht der Kitas
Für viele Einrichtungen ist eine gesundheitsförderliche und nachhaltigere Verpflegung eine aufwendige organisatorische und pädagogische Aufgabe, für die sie bei häufig angespannter Personalsituation wenig Ressourcen haben. In einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nannten Kitas vor allem das Kostenmanagement, Platzmangel, Ernährungsbildung sowie die Qualitätssicherung/Hygienemanagement als größte Herausforderungen (siehe Abbildung).
Unabhängig davon benötigen pädagogische und hauswirtschaftliche Fachkräfte Kenntnisse und Kompetenzen in der Auswahl und Zubereitung der Mahlzeiten, in der Gestaltung von Mahlzeitensituationen und in der pädagogischen Begleitung der Kinder beim Essen. Entsprechende fachliche Kompetenzen sind vielfach nicht vorhanden. So beschäftigt nur ein Drittel aller Kitas eine hauswirtschaftliche Fachkraft mit einschlägiger Ausbildung. (3) Pädagogische Fachkräfte werden in ihrer Ausbildung nur unzureichend auf die Bildungsaufgabe „Essen lernen“ vorbereitet, denn Ernährungsbildung ist meist nur ein Randthema (10).
Wer hilft?
DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas
Für die Gestaltung eines gesundheitsförderlichen und nachhaltigeren Speiseplans bietet der DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas nicht nur praktische Hinweise, sondern konkrete Empfehlungen, wie die Verpflegung konzipiert und in einen pädagogischen Rahmen gebettet werden kann. Verantwortliche bei Trägern und in Kitas können sich den Organisations- und Gestaltungsprozess mit der Anwendung des Qualitätsstandards als Leitfaden vereinfachen. Dieses Potenzial wird jedoch zu wenig genutzt: Standards und Empfehlungen sind noch nicht flächendeckend verbreitet. Lediglich etwa 30 % der Kindertageseinrichtungen nutzen den DGE-Qualitätsstandard, so eine Studie zur Verpflegung in Kitas (VeKiTa 2016). Fast die Hälfte der befragten Kitas gab sogar an, überhaupt keine externen Standards für die Verpflegung zu kennen. (4) Wie sich Verantwortliche für mehr Qualität in der Verpflegung engagieren können, beschreibt der NQZ-Artikel zur Qualitätsentwicklung.
Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben
Der DGE-Qualitätsstandard berücksichtigt die Verpflegung von Säuglingen nicht, weil die Betreuungsquote von Kindern unter einem Jahr in Deutschland niedrig ist und bundesweit bei etwa 2 % liegt (8). Wie eine bedarfsgerechte Ernährung im Säuglingsalter umsetzbar ist, stellt das Netzwerk Gesund ins Leben in seinen Handlungsempfehlungen zur Ernährung und Bewegung von Säuglingen vor. Das Netzwerk unterstützt Eltern und Fachkräfte mit diesen wissenschaftlich basierten und leicht umsetzbaren Empfehlungen für eine ausgewogene Ernährung von Kindern im Alter von 0-12 Monaten.
Vernetzungsstellen Kitaverpflegung
In allen Fragen einer gesundheitsförderlichen und nachhaltigeren Kitaverpflegung sind die Vernetzungsstellen Kitaverpflegung die richtigen Ansprechpartner. Interessierte und Verantwortliche, die professionelle Beratung und Begleitung suchen, finden hier Hilfestellung. Die Vernetzungsstellen Kitaverpflegung sind in dreizehn Bundesländern aktiv und kennen die regionalen Anforderungen und Strukturen am besten.
Unser Service
Auf Bundesebene unterstützen wir die Qualitätsentwicklung in der Kitaverpflegung. Eines unserer zentralen Anliegen ist es, vorhandene Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung in Kitas zu bündeln, zu koordinieren und weiterzuentwickeln, damit die Verantwortlichen vor Ort die passenden Instrumente an die Hand bekommen, um mehr Qualität in der Verpflegung zu realisieren. Interessierte Akteure finden Studien, Leitfäden, Handlungsempfehlungen oder Checklisten zur Kitaverpflegung in unseren Datenbanken:
Unsere E-Learning Angebote bieten Verantwortlichen aktuelles Wissen und Hilfestellung zu verschiedenen Schwerpunktthemen in kompakter und digitaler Form. Wir veröffentlichen außerdem regelmäßig aktuelle Entwicklungen zur Verpflegung in der Kindertagesbetreuung und in Schulen.
Quellen
- Schienkiewitz A. et al. (2018): Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring (2018).
- Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe 2023. Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege. (2023)
- Arens-Azevêdo U, Pfannes U, Tecklenburg E: Is(s)t KiTa gut? KiTa Verpflegung in Deutschland: Status Quo und Handlungsbedarfe. Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. (2014).
- Tecklenburg E, Arens-Azevêdo U, Pfannes U: Verpflegung in Kindertageseinrichtungen (VeKita): Ernährungssituation, Bekanntheitsgrad und Implementierung des DGE-Qualitätsstandards, in: Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Ernährungsbericht 2016
- Datenbank des statistischen Bundesamtes: Bevölkerungsstatistik in Deutschland zum Stichtag 31.12.2023 nach Alter.
- Spiegler C, Jansen S, Burgard L, Wittig F, Brettschneider A-K, Schlune A, Heuer T, Straßburg A, Roser S, Storcksdieck Genannt Bonsmann S and Ensenauer R (2024) Unfavorable food consumption in children up to school entry age: results from the nationwide German KiESEL study. Front. Nutr. 11:1335934. doi: 10.3389/fnut.2024.1335934
- Pfefferle H, Hagspihl S, Clausen K (2021): Gemeinschaftsverpflegung in Deutschland – Stellenwert und Strukturen. Ernahrungs Umschau 08/2021, M470-M483.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas. (5. Auflage/2020)
- Arens-Azevedo U: Nachhaltige Kita- und Schulverpflegung in Deutschland. Ernährung im Fokus 03 2021
- Schlussbericht für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Ernährungsbezogene Bildungsarbeit in Kitas und Schulen (2019)
- Gabrysch S (2022) Klimakrise und Gesundheit – eine Planetary-Health-Perspektive. J Health Monit 7(S4): 7–9. DOI 10.25646/10388
- Ecologic Institut gemeinnützige GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (2022): Synopse „Ernährungspolitische Strategien zur Förderung pflanzenbasierter Ernährungsweisen in Deutschland“.
- Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (2020): Gutachten für eine nachhaltigere Ernährung.
- Nowak et al.: KiESEL – The Children’s Nutrition Survey to Record Food Consumption for the youngest in Germany BMC Nutrition (2022) 8:64
- Max Rubner-Institut: Lebensmittelverzehr und Nährstoffzufuhr bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern
- 15. DGE-Ernährungsbericht (2024): Die Entwicklung und Verbreitung von Übergewicht in Deutschland. Publikation zum Download
- 15. DGE-Ernährungsbericht (2024): Die Ernährungs- und Gesundheitssituation armutsgefährdeter Familien mit minderjährigen Kindern – Ergebnisse der Studie MEGA_kids. Publikation zum Download